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Das Märchen in Havelse: Mit Aufwandsentschädigung zum Aufstieg?

20.03.2013
Dank des 1:0-Derbysiegs über Hannover 96 II ist der TSV Havelse noch näher an die Spitze der Regionalliga Nord gerückt
(Foto: DORFKICKER)
(Foto: DORFKICKER)

„Wie geil ist das denn?“ Dieser Slogan springt dem Besucher auf der Internetseite des Nord-Regionalligisten TSV Havelse sofort ins Auge und ist schon jetzt mehr als eine Ansammlung loser Worte. Denn der kleine Verein aus dem 5400 Seelen-Stadtteil von Garbsen, klar im Schatten des nur wenige Kilometer südöstlich benachbarten Bundesligisten Hannover 96, sorgte seit Saisonbeginn nicht nur im DFB-Pokal für Furore (3:2 nach Verlängerung gegen den Bundesligisten 1. FC Nürnberg in der ersten Runde). Mit nunmehr fünf Siegen in Folge schoss sich die junge TSV-Mannschaft auch endgültig in den Kreis der Aufstiegsanwärter. „Wir müssen festhalten: Es ist kein Zufall mehr, sondern Qualität“, sagt TSV-Trainer André Breitenreiter.

Wäre die Saison schon jetzt zu Ende, Havelse (41 Punkte) würde hinter den Aufstiegsaspiranten Holstein Kiel (46) und der Hannoveraner U 23 (43) auf Platz drei ins Ziel kommen. „Egal ob Dritter, Vierter oder Fünfter: Für unsere Verhältnisse käme das alles einer Sensation gleich“, betont Breitenreiter. Der angehende Fußball-Lehrer und Ex-Profi, in der Saison 2009/2010 noch selbst als Spieler mit dem TSV in die Regionalliga aufgestiegen, war im Januar 2011 als Trainer eingesprungen. Die Aussichten waren damals mit nur elf Punkten und bereits 42 Gegentoren auf dem letzten Tabellenplatz alles andere als glorreich.

Spitzenteam aus Studenten und Berufstätigen

Havelse im März 2013: Der Etat liegt bei 320.000 Euro, die Mannschaft besteht komplett aus Berufstätigen und Studenten, und noch immer wird viermal pro Woche trainiert. Doch aus dem Abstiegskandidaten ist innerhalb von zwei Jahren eine Spitzenmannschaft geworden. Erinnerungen an alte Glanzzeiten während der Ära Volker Finke in der 2. Bundesliga (Saison 1990/1991) kommen auf, zahlreiche Scouts aus dem Profibereich sitzen regelmäßig auf der Tribüne. „Die Entwicklung ist wahnsinnig, und es kann noch weitergehen. Viele glauben, wir würden Märchen erzählen. Doch wir wären theoretisch wohl der erste Regionalliga-Meister, bei dem die Spieler nur eine Aufwandsentschädigung erhalten“, sagt André Breitenreiter.

Sein Erfolgsrezept: Hohe Sozialkompetenz, Disziplin und Ehrgeiz in der Mannschaft, für die Selbstzufriedenheit ein Fremdwort ist und bleiben soll. Seit Saisonbeginn überrascht der TSV so die Konkurrenz Woche für Woche neu. Beim jüngsten 3:2-Auswärtssieg beim Neuling ETSV Weiche Flensburg konnten selbst orkanartige Windverhältnisse die Mannschaft um Kapitän Patrick Posipal (Enkel des 1954er-Weltmeisters „Jupp“ Posipal) nicht stoppen. „Es waren enorm schwierige Bedingungen, weil der Ball wegen des starken Windes sogar mehrmals in der Luft stehen geblieben ist. Doch trotz einiger Ausfälle haben wir den Dreier durch den starken Willen unserer Jungs erzwungen“, beschreibt der TSV-Trainer.

Drittliga-Lizenz als Belohnung und Signal

Das Wort „Meisterschaft“, geschweige denn „Aufstieg“ nimmt in Garbsen niemand in den Mund. Einerseits aus gutem Grund. Das 1933 erbaute Wilhelm-Langrehr-Stadion verfügt gerade einmal über eine Kapazität von 3.500 Plätzen, darunter 500 Sitzplätze, und auch nicht über eine drittliga-taugliche Flutlichtanlage. „Von den Strukturen her sind wir eher auf Bezirksliga-Niveau. Da stößt der Verein mit dem Kopf an die Decke“, gibt André Breitenreiter, führt aber aus: „Die beantragte Lizenz für die 3. Liga war eine Belohnung für die Mannschaft und ein Signal für Sponsoren, dass hier etwas entstehen kann.“

Für den Fall der Fälle haben sich die Verantwortlichen - auch dank Hilfe aus der Nachbarschaft - jedenfalls eine kleine Hintertür zur 3. Liga offen gehalten. Als Stadion für mögliche Drittliga-Heimspiele gab der TSV nämlich ausgerechnet die WM-Arena des benachbarten Bundesligisten an. 96-Präsident Martin Kind, hin und wieder auch selbst bei Spielen oder Veranstaltungen in Havelse zu Gast, sagte den Garbsenern bereits seine Unterstützung für den Aufstiegsfall zu.

„Rohdiamant“ Sané einer von zehn Ex-Hannoveranern

Ohnehin ist das Verhältnis zwischen Regional- und Bundesligist freundschaftlich. „Wir haben einen guten Draht nach Hannover. Beim TSV sind fast alle 96-Fans“, so André Breitenreiter, der selbst aus Hannover-Langenhagen stammt und von 1986 bis 1994 als Nachwuchskicker und Profi für die „Roten“ am Ball war. Mit seiner 96-Vergangenheit steht der TSV-Trainer in Havelse aber bei Weitem nicht alleine da. Aus dem 23 Mann starken Aufgebot stammen nicht weniger als zehn Spieler aus dem Nachwuchsbereich der Hannoveraner. Erst zu Saisonbeginn waren mit Tim Wendel, Tom Christian Merkens und Saliou Sané drei Spieler vom Nachbarn gekommen, die nun zu den Leistungsträgern beim TSV zählen.

Während Merkens als „bester zentraler Mittelfeldspieler der Liga“ (Breitenreiter) die Fäden zieht, sorgt der Deutsch-Senegalese Sané im Sturm für die Tore (bisher fünf). „Alle drei Spieler waren absolute Glücksgriffe für uns. Saliou Sané ist auf dem Platz eine Maschine und ein Rohdiamant, dem ich in Zukunft noch einen großen Sprung zutraue“, lobt der 39-Jährige, der während seiner Zeit beim Fußball-Lehrer-Lehrgang von Volkan Bulut, Oliver Lassoff und Dennis Fischer bestens vertreten wird und seinen Assistenten „blind“ vertraut.

96-Trainer Ismael: „Havelse ist keine Überraschung mehr“

Viel Lob gibt es für den TSV auch von Hannovers U 23-Trainer Valérien Ismael. „Havelse spielt unheimlich konstant und ist schon keine Überraschung mehr. Diese Mannschaft wird noch einige Zeit ganz oben mitmischen“, so der ehemalige Bundesligaprofi.

Auch in den Partien gegen die direkten Konkurrenten aus Hannover (1:0, 1:0) und Kiel (1:1) haben die Garbsener schließlich ihre Qualitäten unter Beweis gestellt. „Unser System hat sich vom schnellen Umschaltspiel zu Beginn meiner Amtsübernahme zum dominanten Kombinationsspiel mit Ballzirkulation und Gegenpressing entwickelt“, sagt André Breitenreiter.

Was trotz der entstanden Euphorie in Havelse noch in den Sternen steht, ist der Verbleib des TSV-Trainers. Breitenreiter: „Es ist noch alles offen. Ich hatte in den vergangenen Wochen schon einige Anfragen, die ich abgelehnt habe. Zunächst konzentriere ich mich darauf, die Ausbildung zum Fußball-Lehrer erfolgreich abzuschließen. Der TSV weiß, wie wichtig mir für die Zukunft verbesserte Strukturen wären.“ Fest steht: Sollte der Ex-Profi mit dem kleinen Havelse tatsächlich die Meisterschaft holen, wäre der Slogan auf der Vereinshomepage des TSV endgültig wörtlich zu nehmen.

(Text: mspw)