Schleswig-Holsteinischer FVBremer FV

Das große Interview zum Abschied von Eugen Gehlenborg

12.06.2018
"Es geht immer auch um Zusammenhalt und Teamgeist"
(Foto: Agentur 54 Grad)
(Foto: Agentur 54 Grad)

Am Wochenende ging eine Ära zu Ende: Nach neun Jahren als Präsident des Norddeutschen Fußball-Verbandes (NFV) stellte sich Eugen Gehlenborg auf dem Verbandstag in Malente nicht mehr zur Wahl und wird sich bis zum Bundestag in 2019 auf sein Amt als DFB-Vizepräsident konzentrieren. Der 70-Jährige blickt nun auf eine ebenso spannende wie erfolgreiche Zeit zurück, macht aber auch die ein oder andere kritische Anmerkung.

Sie beenden Ihre Amtszeit als Präsident nach ziemlich genau neun Jahren. Welches Fazit ziehen Sie zum Abschied?

Ich wurde ja bereits 2006 ins Präsidium des NFV gewählt, und wir hatten zur Weltmeisterschaft im eigenen Land eine Hochzeit des Fußballs. Da war pure Euphorie. Der Fußball hat für die Menschen, dieses Land und auch für sich völlig neue Dimensionen eröffnet. Ich sage das, weil einem die Diskrepanz zur Stimmung heute dann noch viel größer vorkommt. Damals gab es großen Respekt und ganz viel Lob, vielleicht zu viel. Jetzt heißt es: Da sind die korrupten Funktionäre. Es überwiegen Respektlosigkeit und pauschale Kritik. Es herrscht ein destruktiver Geist und es ist ein völlig anderes Bild. Das macht mir persönlich große Sorge und wird dem Fußball auch nicht gerecht.

Dann ist die positive Prognose, die damals gestellt werden durfte, nicht eingetreten?

Vielleicht gab es auch einen zu hohen Erwartungshorizont. Jedenfalls gibt es derzeit in der Fußballszene erhebliche Verständnis- und vor allem Kommunikationsprobleme. Ob es das aggressive Verhalten der Fans ist oder die überbordenden und nicht nachvollziehbaren Geldmengen, die im Fußball im Umlauf sind.

Oder, wie Sie selbst sagen: Das Fehlverhalten mancher Funktionäre?

Zunächst hatten FIFA- und UEFA-Spitzenfunktionäre negativ auf sich aufmerksam gemacht. Und dann kamen dazu die 6,7 Millionen, die der DFB an die FIFA überwiesen hat und von denen bis heute nicht geklärt werden konnte, wofür sie verwendet wurden. Aber dieses Fehlverhalten einiger darf und kann man nicht dem gesamten Fußball anlasten. Die Mitarbeiter von Verbänden sind mit einem großen Engagement dem Fußball verpflichtet, im positiven Sinn als Dienstleister. Entscheidungen, wie etwa die Vergabe der WM nach Katar, werden doch nicht von der Administration getroffen. Und was die 6,7 Millionen betrifft: Was können die jetzigen DFB-Präsidiumsmitglieder dafür, dass und wohin diese Summe geflossen ist. Der DFB hat alles für die Aufarbeitung und Klärung dieses Vorgangs getan, um dann zu lesen, das sei alles halbherzig und völlig unzureichend.

Was bedeutet diese durchaus von Enttäuschung geprägte Einschätzung für das Fazit Ihrer neun Jahre als Präsident des Norddeutschen Fußball-Verbandes?

Man muss natürlich sehen, dass diese Funktion zwar auch von der allgemeinen Stimmung beeinflusst wurde, sie aber nicht dominiert hat. Im Rahmen meiner Aufgabe habe ich den Vereinen und damit der Basis immer vermittelt, dass ich uns – die Verbände – als Dienstleister sehe. Es ging zum anderen auch einfach darum, mit einer Stimme zu sprechen. Wir waren eine Einheit im Norden, und dieses ist mit Blick auf die Wirkung nach Außen und Innen konstruktiv gewesen. Zudem haben sich unsere Vereine in der wirtschaftlich nicht einfachen Regionalliga stabilisiert. Über diese Entwicklung bin ich froh. Wir haben daneben die TV-Präsenz erhöht, einen Zukunftspreis eingeführt und auch –zwar nur erst übergangsweise – eine neue Aufstiegsregelung in die 3. Liga geschaffen. Der Spielbetrieb lief reibungslos, und wir hatten seit langem keine Insolvenz mehr.

 

Immer ein gern gesehener Gast. Hier bei SPORT1 (Foto: privat)


Insgesamt hat sich die Regionalliga also gut entwickelt?


Die Vereine identifizieren sich mit dieser Spielklasse. Sie hat sich bewährt. Und was auch nicht so schlecht ist: Jeder zweite Meister der Regionalliga Nord ist in die 3. Liga aufgestiegen. Also hat sie auch vergleichsweise eine gewisse spielerische Qualität.

In den vergangenen Jahren sind die Aufsteiger in die Regionalliga relativ oft wieder abgestiegen. Ist das Gefälle vielleicht zu groß?

Da gibt es schon eine Lücke. Ich habe kein Patentrezept, wie man sie schließen könnte. Wenn man jedoch Jeddeloh, Drochtersen/Assel und ein paar andere Vereine betrachtet, gibt es auch Gegenbeispiele. Zudem gelang ja jedem zweiten Meister der Aufstieg. Das spricht für ein gutes, konkurrenzfähiges Niveau unserer Regionalliga.

 

Eugen Gehlenborg im Mai 2017 bei der Meisterfeier des SV Meppen mit Trainer Christian Neidhart (Foto: M. Behlmann)

Nun gab es in der vergangenen Saison ungewöhnlich viele Ausfälle. Sehen Sie eine Chance, dieser Problematik in der Zukunft aus dem Weg zu gehen?

Ein Punkt ist ganz sicher die nicht ausreichende Infrastruktur, so fehlen zum Beispiel Kunstrasenplätze. Es wird zukünftig nach unserer Satzung möglich sein, den Hauptplatz mit einem Kunstrasen auszustatten. Insgesamt ist die Infrastruktur eines Vereins sehr wichtig. Leider hat sich eine Vielzahl von Kommunen zuletzt sehr aus der Sportförderung in diesem Bereich zurückgezogen. Das ist nicht gut. Schließlich erfüllen auch Sportvereine eine wichtige kulturelle und gesellschaftlich-soziale Aufgabe und müssen dabei die Unterstützung durch die Politik erhalten. Das gilt auch hinsichtlich der oft fehlenden oder mangelhaften Flutlichtanlagen.

Ab der übernächsten Saison gibt es eine neue Aufstiegsregelung in die 3. Liga. Dann werden drei Meister direkt aufsteigen und zwei werden den vierten Aufsteiger durch eine Relegation ermitteln. Diese Regel wird als Übergangslösung bezeichnet. Ist womöglich noch mehr drin für die Meister der Regionalligen?

Der DFB-Bundestag 2019 wird einen Beschluss fassen. Er könnte so aussehen, dass diese Übergangslösung zunächst verlängert wird, bis die Fernsehverträge auslaufen. Danach könnte zum Beispiel unter anderen auch eine zweiteilige 3. Liga ein Thema werden. In diesem Fall würde sich auch eine andere Situation für die Aufsteiger respektive Meister aus den Regionalligen ergeben.

Sie sprechen in Ihren Abschiedsworten von einer „Aufspaltung der nationalen Fußballgemeinde“. Was meinen Sie damit?


In der DFB-Spitze sind wir sehr verunsichert, und diese Verunsicherung nimmt noch zu angesichts der Dinge, die sich auf den Fußballplätzen abspielen. Nehmen wir das Beispiel DFB-Pokalfinale in Berlin: All die Jahre, in den letzten drei besonders, gab es Pyrotechnik ohne Ende und dann die entsprechenden Kontrollverschärfungen. Dann setzt man sich mit den Fans zusammen, und es kommen haarsträubende Argumente. Neben der Forderung, Pyros zu erlauben, wird behauptet: „Der Fußball gehört uns und nicht Euch“.

Dann greifen wir doch mal eine weitere populäre These auf: Kann das viele Geld den Fußball kaputt machen?


Zu viel Geld kann das. Die Einnahmeseite des Fußballs explodiert, auf der anderen Seite kann das kein Fan mehr nachvollziehen. Die Fans und die Allgemeinheit sind es aber, die den Profifußball in letzter Konsequenz finanzieren. Was die Arbeit der Verbände betrifft, erwarte ich aber mehr Differenzierung. Kein Mensch macht alles richtig. Am Ende geht es immer um die konstruktive Kritik. Derzeit werden Funktionäre allerdings als lauter Korrupte und Ahnungslose dargestellt. Das ist dann auch ein Problem relativ einseitiger Darstellung in der Öffentlichkeit.

Sie blicken auch auf einen jahrelangen Rechtsstreit mit dem SV Wilhelmshaven zurück. Wie gehen Sie mit diesem Thema um?

Es tut mir zweimal in der Seele weh. Wir standen 2014 schon vor einem Kompromiss, als das Fax aus Wilhelmshaven aber erst nach der entscheidenden Präsidiumssitzung beim DFB einging. Außerdem stört es mich, dass sich der SV Wilhelmshaven immer als Opfer darstellt. Das ist er nicht. Ausgangspunkt der gerichtlichen Auseinandersetzung war deren Weigerung, eine Ausbildungsentschädigung zu zahlen. Mit dieser Weigerung haben sie die Solidarität des Fußballsports verlassen. Die Behauptung, diese Entschädigungen verstießen gegen europäisches und nationales Recht, wurde bisher von keinem Richter und keinem Gericht so gesehen. Es ging nur um unsere Satzung, in der nicht ausdrücklich stand, dass wir – unabhängig davon, ob zu Recht oder nicht – Sanktionen der FIFA und des Internationalen Sportgerichtshofes umsetzen dürfen. Um es auf den Punkt zu bringen: In Wilhelmshaven wurde unter Profibedingungen gearbeitet, viel Geld in die Hand genommen, und dann hat der Verein eine Reihe handwerklicher Fehler gemacht, die nun am Ende auf dem Rücken des Norddeutschen Fußball-Verbandes ausgetragen werden.

Sie sind als DFB-Vize für Sozial- und Gesellschaftspolitik zuständig. Prominente Mitarbeiter sind Cacau als Integrationsbeauftragter und Thomas Hitzlsperger als Botschafter für Vielfalt. Wie sieht Zusammenarbeit aus?

Mit allen prominenten Ex-Fußballern und -trainern, zu denen auch noch Otto Rehhagel, Ottmar Hitzfeld, Uwe Seeler, Wolfgang Dremmler und andere zählen, gestaltet sich die Zusammenarbeit in den DFB-Stiftungen völlig unkompliziert und sehr erfolgreich. Das heißt, wir erreichen immer unmittelbar über die prominenten Sportler die jeweiligen Zielgruppen, etwa Kinder, sozial Benachteiligte oder Strafgefangene. Wir können diesen Gruppen wichtige Impulse für ihr Leben geben und sie damit motivieren, ihre Chancen zu nutzen.

 

Reinhard Grindel, Eugen Gehlenborg, Bürgermeisterin Tanja Rönck und SHFV-Präsident  Hans-Ludwig Meyer anlässlich des 45. NFV-Verbandstages in Bad Malente (Foto: Agentur 54 Grad)

 

Zur ihren Aufgabe zählt die Vermittlung von Werten wie Umwelt, Solidarität, Fairplay, Integrität und Vielfalt. Welche Rolle nehmen sie im Fußball ein?

Alle genannten Werte sind tragende Elemente des Fußballs: Der Fußball, und auch Sport im Allgemeinen, bedürfen einer intakten Umwelt und der Solidarität sowie der Integrität derer, die diesen Sport ausüben. Es geht immer auch um Zusammenhalt und Teamgeist. Insbesondere ohne Fairplay ist für mich der Fußball undenkbar, weil er dann zu einem Kampf mit allen Mitteln verkommen und meines Erachtens keine Akzeptanz und damit keine Zukunft haben würde. Wie sehr die Vielfalt gerade den Fußball in unserem Land erfolgreicher macht, können wir am Beispiel der deutschen Nationalmannschaft sehr gut ablesen.

Der Suizid des an Depressionen erkrankten Robert Enke hatte die Fußballwelt 2009 erschüttert. Hat der Fußball auch etwas daraus gelernt?

Dass der Fußball zum einen präventiv und therapeutisch bei vielen Krankheitsbildern – so unter anderen bei Depressionen – eingesetzt und hilfreich sein kann. Voraussetzung: Er wird nicht als Leistungsdruck und Belastung empfunden. Außerdem ist die Depression als Krankheit aus der Tabuzone herausgeholt worden.

Was sollte sich in den kommenden Jahren im NFV ändern?

Es besteht Einigkeit, dass der NFV sich unter anderem stärker als bisher im unmittelbaren gemeinnützigen Einsatzfeld engagieren muss. So sollen zum Beispiel Aktionen wie der Zukunftspreis, die Jugendförderung und internationale soziale Aktivitäten in das Aufgabenspektrum aufgenommen werden. Außerdem sollte der NFV nicht nur als Dachverband definiert und als Verbund der vier norddeutschen Landesverbände bewertet werden. Sondern auch als eigenständiger Verband mit eigenen Zuständigkeiten, der auch mit den übrigen Regionalverbänden im sportlichen Wettbewerb steht.

Kommen wir zum Abschluss noch zu Ihrer eigenen Karriere: Mit Hannover 96 waren Sie 2016 niedersächsischer Vizemeister in der Ü60 geworden. Wie geht es weiter?

Natürlich werde ich dem Fußball als aktiver Oldie verbunden bleiben. Ich unterstütze zurzeit auch eine von Sportmedizinern und Wissenschaftlern geplante Pilotstudie. Sie soll – ausgehend von starken Indizien – nachweisen, dass gerade der Fußball für Ältere und Alte eine optimale präventive und therapeutische Wirkung hat, sowohl für das physische als auch für das psychische Wohlbefinden.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

(Interview und Text: Stefan Freye)