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"Immer einen Schritt nach dem anderen machen"

Schiedsrichter Felix Bahr im Interview

(Foto: Privat)

Fussball.de hat diese Woche zur Themenwoche der Schiedsrichter gemacht. Wir haben dies zum Anlass genommen, um mit einem unserer Schiedsrichter in der Regionalliga der Herren zu sprechen. Felix Bahr ist seit elf Jahren Schiedsrichter und pfeift seit Beginn der Saison in der vierten Spielklasse. Der 25-jährige sagt selber, dass er „das beste Hobby der Welt“ hat. Was er sonst noch zu sagen hat, lest ihr hier:


Moin Felix, Du pfeifst seit 2019 in der Regionalliga Nord der Herren. Erzähle uns ein bisschen, wie Du überhaupt zur Schiedsrichterei gekommen bist, wo Du herkommst.

Genau, ich bin im letzten Sommer zur Saison 2019/2020 in die Regionalliga aufgestiegen. Angefangen hat es damals, weil wir uns häufig über die Schiedsrichter aufgeregt haben und dachten, wir könnten das besser machen. Bei mir im Verein, ich komme vom SV Ahlerstedt/Ottendorf (Landkreis Stade, Anmerk. d. Red.), waren zwei Herren, die sich dann sehr um uns gekümmert haben und uns auf diesem Weg begleitet haben.

Am Montag hast Du das SPORT1-Livespiel Hannover 96 gegen den HSV gepfiffen, eine besondere Erfahrung?

Es war auf jeden Fall eine besondere Erfahrung, dieses Mal als Hauptschiedsrichter dabei zu sein. Es ist uns gut gelungen, in den 90 Minuten auszublenden, dass das Fernsehen live drauf war. Das muss auch sein, um die ganze Zeit fokussiert zu bleiben und eine gute Leistung abzuliefern. Ich denke, das ist uns bei dem Spiel auch geglückt und glaube, dass alle zufrieden waren. Auf jeden Fall eine coole Sache und ich würde mich freuen, wenn wir noch häufiger die Gelegenheit bei einem Livespiel bekämen.

Bist Du immer mit demselben Gespann unterwegs?

In der Regionalliga habe ich immer ein festes Team, da sind meine Assistenten Marcel Klein und Jonas Behrens immer dabei. Das finde ich auch sehr wichtig, dass wir in unserer höchsten Spielklasse die Spiele immer im selben Team leiten, da wir ein besonderes Vertrauensverhältnis haben und ganz genau wissen, wie der andere tickt, das ist schon enorm wichtig für mich. Ansonsten bin ich ja noch in der Junioren Bundesliga unterwegs, da wechselt das Gespann häufiger. Wenn ich in der Landes- oder Bezirksliga pfeife, bin ich häufiger mit ganz jungen Assistenten unterwegs, die ich dann mit ausbilde.

Wie bereitet Ihr Euch auf Euren Einsatz vor? Kannst Du uns kurz einen Einblick geben, wie die Zeit vor einem Spiel bei Dir und Deinen Assistenten abläuft?

Sobald wir die Ansetzung bekommen, tauschen wir uns innerhalb des Gespanns schon in einer WhatsApp-Gruppe aus. Wir besprechen die Teams, wir planen unsere Anreise und gucken, ob wir schon zuvor Spiele der beteiligten Mannschaften geleitet haben.
Am Spieltag selbst fahren wir so los, dass wir ca. 1,5 bis zwei Stunden vor Spielbeginn dort sind, begrüßen die Offiziellen der Teams, beziehen unsere Kabine und machen anschließend eine Platzbesichtigung, bei der wir die Absprache im Team noch einmal vornehmen, welche Ansagen über das Headset kommen, wer für welche Bereiche zuständig ist usw.
Zurück in der Kabine beginnen wir, uns auf das Spiel zu fokussieren, meistens haben wir eine Musikbox dabei, damit gelingt das dann noch ein bisschen besser. Ungefähr 30 Minuten vor dem Spiel gehen wir dann raus, um uns aufzuwärmen. Dann noch einmal kurz in die Kabine, umziehen, Mannschaften rausholen, aufs Spielfeld. Und los geht’s.

Du bist in verschiedenen Spielklassen unterwegs, wie unterscheiden sich die Anforderungen an Dich?

Ich bin ja von der Regionalliga bis zur Bezirksliga unterwegs, um auch den Kontakt zur Basis nicht zu verlieren. Für die jungen Assistenten ist es immer ein Highlight, mit uns mitfahren zu dürfen. Allerdings bekommen wir nicht mehr allzu viele Spiele in der Bezirksliga, weil die Umstellung eben doch sehr groß ist. Spielweise, Zweikampfverhalten, taktische Ausrichtung sind von der Bezirksliga zur Regionalliga doch grundverschieden. Wir lassen in der Regionalliga zum Beispiel viel mehr laufen, viel mehr Zweikämpfe durchgehen, als wir das in der Bezirksliga tun würden.

Gibt es ein Spiel, das Du gerne mal pfeifen würdest? Clasico, WM-Endspiel etc.?

Klar, beides wäre ein Traum, mal dabei zu sein und auf dem Platz zu stehen. Mein absoluter Traum wäre aber an der Anfield Road das Spiel FC Liverpool gegen FC Everton zu pfeifen. Das wäre großartig. Aber auch ein Spiel in der Champions League in Liverpool zu leiten, das wäre ein Highlight, mein riesengroßer Traum. Ich war persönlich schon an der Anfield Road und diese Atmosphäre dort, das habe ich selbst noch nie so erlebt.

Was machst Du, wenn Du nicht als Schiedsrichter auf dem Platz stehst?

Beruflich mache ich gerade eine Ausbildung als Gärtner mit Fachrichtung Obstbau. Das ist allerdings schon meine zweite Ausbildung, die erste habe ich als Groß- und Außenhandelskaufmann absolviert. Der familiäre Betrieb meiner Freundin ist ein Obstanbaugebiet im Alten Land, da passt das sehr gut. In meiner Freizeit gehe ich viel trainieren, mache Fitness, Squash und bereite mich so auch auf meine Spiele vor.

Die Schiedsrichter stehen immer stärker im Fokus, jede Szene wird doppelt und dreifach diskutiert, der Video-Assistent-Referee wird von vielen kritisch beurteilt. Wie nimmst Du die Diskussionen wahr? Hast Du manchmal Mitgefühl mit den Kollegen oder gehst Du damit anders um, weil Du selber in dem Business unterwegs bist?

Grundsätzlich ist der Video-Assistent aus meiner Sicht eine sehr, sehr große Hilfe für alle Schiedsrichter, gerade bei dem Tempo und bei der Intensität der Zweikämpfe in der Bundesliga. Allerdings fehlt es noch an ein paar Feinheiten, um auch mehr Akzeptanz bei den Zuschauern in den Stadien zu erhalten. Damit meine ich vor allen Dingen, dass auf den Videoleinwänden oder per Ansage durch den Schiedsrichter eine Entscheidung erklärt wird, damit jeder im Stadion eine Entscheidung nachvollziehen kann, ähnlich wie beim American Football. Ich denke, wenn das gegeben ist, wird der VAR zukünftig auch bei den eingefleischten Fans in den Stadien auf viel mehr Akzeptanz stoßen. Insgesamt macht der Videobeweis den Fußball auf jeden Fall viel fairer, es geht mittlerweile um so viel Geld, da ist es sinnvoll, dass die Fehlentscheidungen soweit wie möglich eingegrenzt werden und dazu ist der Videobeweis eine große Hilfe.

Viele der Spitzenschiedsrichter wie Deniz Aytekin, Patrick Ittrich oder Christian Dingert nutzen die sozialen Medien, um den Fans ihre Arbeit näher zu bringen. Auch Du bist bei Instagram aktiv. Merkst Du, dass das dazu beiträgt, für viele Themen zu sensibilisieren und den Blickwinkel auf den Schiedsrichter zu verändern?

Ist eine gute Sache, dass Facebook, Instagram und Co. diese Möglichkeit bieten, dort Einblicke in unsere Schiedsrichterarbeit, gerade auch die unserer Spitzenschiedsrichter zu ermöglichen. Ich nutze das ja auch bei Spielen in der Regionalliga, wenn wir in den Stadien sind. Das kommt auch sehr gut an. Beispielsweise habe ich gerade auf einer Messe mit Berufskollegen gesprochen, die gar nicht so im Thema Fußball sind, mir aber auf Instagram folgen und plötzlich viele Fragen stellen und total interessiert an dem sind, was ich tue. Genauso ist es mit den vielen Jungschiedsrichtern, die ja fast alle auf irgendwelchen Social Media-Kanälen unterwegs sind, die gucken sich viel ab und sind total motiviert. Auf der anderen Seite muss man natürlich auch sehr aufmerksam sein, was man postet. Das kann ich nur immer wieder betonen, dass jeder nicht zu viel preisgibt, da muss man aufpassen. Aber wenn wir Werbung für unser Hobby machen können, um auch junge Menschen für den Job als Schiedsrichter zu begeistern, ist das auf jeden Fall eine sehr gute Sache. Ich finde es auch megaspannend auf den Accounts von z. B. Deniz Aytekin, Patrick Ittrich oder Christian Dingert vor den Spielen ihre Vorbereitung zu verfolgen und mir ihre Posts anzugucken.

Zu guter Letzt, hast Du einen Tipp für junge Schiedsrichter, die gerade am Anfang ihrer Laufbahn stehen?

Ich bin seit elf Jahren Schiedsrichter und habe es bis in die Regionalliga geschafft. Ich kann aus eigener Erfahrung nur sagen, dass man sich nicht unterkriegen lassen darf und immer einen Schritt nach dem anderen machen sollte. Nie zu große Ziele setzen und immer von Spiel zu Spiel denken und jedes Spiel, das einem angeboten wird, auch mitzunehmen. Erfahrungen sammeln ist das A und O, um diese in den Spielen anzuwenden. Und als Tipp: Nie andere Schiedsrichter kopieren. Das funktioniert nicht, da jeder individuell ist und seinen eigenen Stil zu pfeifen, finden muss. Auch, wenn es Rückschläge gibt, gerade in den Anfängen in den Kreisligen, niemals aufgeben. Rückschläge gehören immer dazu. Das habe ich früher auch erleben müssen.

Danke Felix für das Gespräch und Dir viel Spaß und natürlich Erfolg im Verlauf der restlichen Saison.



(Interview: NFV)

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